Herbst

1. August-Rede von Harro von Senger

03.08.2020
Liebe Festgemeinde, lieber Pater Basil, lieber Pfarrer Urs Jäger !
Grüezi, bonjour, buongiorno, allegra, iyi günler, Добрый день, こんにちわ, 您们好.
Durch diese Begrüssung in mehreren Sprachen habe ich der multikulturellen Schweiz und dem multikulturellen Einsiedeln meinen Tribut gezollt.

Nachdem ich diese Respektbezeugung erledigt habe, kann ich nun dazu übergehen, in Schweizerdeutsch weiterzufahren. [Von nun an wird die Ansprache inSchwizerdütsch vorgetragen.]

An einer der wenigen Erst-August-Feiern, die dieses Jahr in der Schweiz abgehalten werden, darf ich heute in Einsiedeln die Erst-August-Ansprache halten. Für diese ehrenvolle Einladung bedanke ich mich sehr bei der Kulturkommission des Bezirks Einsiedeln unter ihrem Vorsitzenden Christoph Bingisser. Einige Einsiedlerinnen und Einsiedler sagten mir, dass sie sich auf meine Ansprache freuen. Sollte ich es nicht bei dieser Vorfreude bewenden lassen und meine Ansprache sofort abbrechen? Denn man sagt doch: Die Vorfreude ist die grösste Freude.

Aber diese Bedenken lege ich beiseite und erfülle sehr gerne die mir anvertraute Aufgabe.

In der NZZ am Sonntag vom 26. Juli 2020 prangten auf der ersten Seite die Zeilen:

«Menschen mit Masken sind austauschbar, auch in der Schweiz, [die] sich als Sonderfall sieht [….] „Corona ist der Gegenbeweis zum Phantasma, wonach das Land singulär ist, sagt der Germanist Peter von Matt im Interview zum 1. August.»

In meiner Ansprache möchte ich der Frage nachgehen: Ist es wirklich ein Phantasma, wenn man sagt, die Schweiz ist singulär? Ist es auch ein Phantasma anzunehmen, dass Einsiedeln singulär sei?

Zunächst ein Gedanke zur Aussage «Menschen mit Masken sind austauschbar.» Ist das wirklich so? Sind zum Beispiel Abt Urban und Präsident Trump, wenn sie Masken tragen, austauschbar? Könnte man sich also Abt Urban als Präsidenten der USA und Donald Trump als Abt des Klosters Einsiedeln vorstellen?

Ich meine, auch mit Maske sind Menschen nicht austauschbar. Jeder Mensch ist einzigartig, ob ohne oder mit Maske.

Und so verhält es sich auch mit Ländern. Nicht erst Corona ist ein Phänomen, das alle Länder der Welt trifft. Bereits lang vor Corona hat die Umweltkrise, mit der Klimakrise als einer Komponente, begonnen, alle Länder der Welt zu beunruhigen. Die Umweltkrise hat die Biologin Rachel Carson in ihrem Buch Silent Spring (Der stumme Frühling) wirkungsvoll aufgezeigt. Dieses Buch ist 1962 erschienen. Auf die Umweltkrise hat letztes Jahr Zeno Schneider in seiner Erst-August-Ansprache eindrücklich hingewiesen:

«Unterdesse hed üses chline Land d’Ressource für s’ganz Jahr bereits am 7. Mai verbruucht. Mir verbruuched das, was üs jährlich zuestoht, innert vier Mönet. Es bruuchti also drüü Erde, wenn alli so viel für sich nähmted, wie mir Eidgenosse das gwöhnt sind.»

Schon Jahrzehnte vor Corona hat die Schweiz wegen der Umweltkrise gewusst, dass sie im gleichen Boot wie die anderen Länder des Globus sitzt. Sind die Schweiz und die Länder der Welt deswegen austauschbar?

Nein. Ich betrachte die Schweiz, obwohl sie unter anderem wegen der Umwelt- und Coronakrise mit anderen Ländern im gleichen Boot sitzt, als etwas Besonderes, so wie ich Brasilien, Frankreich, die USA, Nigeria, Indien, Liechtenstein und so weiter als etwas Besonderes ansehe. Auch jeden Menschen, der mir begegnet, betrachte ich als etwas Besonderes.

Freilich besteht stets eine Verknüpfung von Besonderem und Allgemeinem. 

Die Schweiz ist in vielerlei Hinsicht kein Sonderfall. Kein Sonderfall ist die Schweiz zum Beispiel als Binnenstaat. Vatikanstadt, Bhutan, Weissrussland und weitere etwa 40 Länder sind ebenfalls Binnenstaaten. Aber mit Bezug auf gewisse Aspekte ist die Schweiz «einzigartig» (Marc Tribelhorn) und damit ein «Sonderfall» (Manfred G. Schmidt), wenn nicht gar ein «Unikat» (Österreichs Alt-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer). Wieso darf oder soll man nicht «das Anderssein der Schweiz respektieren» (Ingrid Behringer)?

Nun sollte ich aber etwas konkreter werden. Hinsichtlich welcher Aspekte ist die Schweiz ziemlich einzigartig? Einen Aspekt möchte ich hervorgreifen. Ich beziehe mich auf den Bundesbrief von 1291 zwischen Uri, Schwyz und Unterwalden. Ganz am Anfang, im dritten Satz, des Bundesbriefs heisst es auf Lateinisch, das ich auf der Stiftsschule acht Jahre lang erlernen konnte: «Malitiam temporis attendentes», zu Deutsch: «In Anbetracht der Arglist der Zeit». Der ganze Satz lautet, in Anbetracht der Arglist der Zeit schliesse man sich «gegen alle und einzelne, die […] irgendetwas Böses im Schilde führen», zusammen. Welcher andere Staat in der Welt verfügt über eine Gründungsurkunde, die von einer derart hochgradigen Wachsamkeit Zeugnis ablegt? Naivitäts- und Illusionsresistenz, «une saine méfiance» (Le Temps), Misstrauen «gegenüber zu viel Staat» (Wolf Linder) kennzeichnen, holzschnittartig gesagt, die Schweiz seit 1291.

Im Gegensatz zur Schweizer Wachsamkeit gegen Arglist stehen andernorts Arglosigkeit und Vertrauensseligkeit im Vordergrund. Homer und Ovid, die ich aus der Stiftsschule kenne, erzählen: Agenor, König von Phönizien, ist der Vater der Prinzessin Europa. Phönizien ist die Bezeichnung eines schmalen Landstreifens an der östlichen Mittelmeerküste in Vorderasien auf dem Gebiet der heutigen Staaten Israel, Libanon und Syrien. Mit ihren Gespielinnen vergnügt sich die Europa in den Blumenwiesen am Meer. Der griechische Gott Zeus ist in Europa verliebt. Er verwandelt sich in einen wundervollen Stier. Prinzessin Europa ist dermassen bezirzt von dem schönen Stier, dass sie auf dessen Rücken steigt. Kaum sitzt sie auf dem Rücken des Stieres, springt er ins Meer und schwimmt mit ihr fort, nach Kreta, eine Insel, die heute zu Griechenland gehört. Dort verwandelt sich Zeus in einem Mann und vergewaltigt die Prinzessin Europa. Sie ist hinterher derart verzweifelt, dass sie sich in die Fluten des Meeres stürzen will. In diesem Augenblick erscheint ihr Aphrodite. Sie erklärt der Prinzessin Europa, dass sie die irdische Gattin des Gottes Zeus geworden sei. Ihr Name sei von nun an unsterblich, denn der Weltteil, auf dem sie sich jetzt befinde, werde fortan «Europa» heißen.

Eine naive Jungfrau, die zuerst ent- und dann verführt wird. «Das dürfte so ziemlich der einzige Mythos sein, den die Nationen Europas gemeinsam haben.» (Charles Lewinsky):Ganz anders der Schweizer Gründungsmythos. Wilhelm Tell agiert nicht so naiv wie Europa. Er obsiegt nicht zuletzt dank einem Hinterhalt in der Hohlen Gasse. Für ihn gilt wohl dasselbe, was Meinrad Lienert (1865 – 1933) über die alten Schwyzer äusserte:

«Wiä sind diä altä Schwyzer gsi?
So zäch wiä buechi Chnebel,
verschlosse wiä nä Opferbüchs,
durtribä wiä n äs Näscht voll Füchs»


Die Eidgenossenschaft wurde in Anbetracht und zur Abwehr von Arglist gegründet. Die Arglist ist nicht geringer und nicht harmloser geworden, leben wir doch in einer «labilen Welt»,(Roger de Weck) «in irrationalen Zeiten»,(Thomas Fuster), und befindet sich doch, «im Ganzen gesehen, die Menschenwelt in einer oft skandalösen Unordnung» (Friedrich Dürrenmatt).

«222 Jahre ist es her…» Das ist der Titel eines Artikels von Pater Thomas Fässler im Einsiedler Anzeiger vom 5. Mai 2020. Am 3. Mai 1798 marschierten französische Soldaten in Einsiedeln ein und plünderten das Kloster mehrere Tage lang. 222 Jahre später defilierten Schweizer Soldaten in Paris auf dem Place de la Concorde. Sie fielen nicht durch Plünderungen auf, sondern durch die Art, wie sie sich präsentierten. Unsere Delegation ist im bescheidenen Kampfanzug angetreten und erst noch aus dem Tritt geraten, während alle anderen teilnehmenden Länder in blendenden Uniformen aufmarschiert sind. Diese anderen Nationen hatten über Jahrhunderte eine Geschichte voller Leid mit Krieg und Millionen Opfern. Der lockere Auftritt der Schweizer Delegation vermittelte eine wichtige Botschaft, nämlich dass die Schweizer Armee eigentlich gar nicht auf einen Kriegseinsatz hin gedrillt ist. Die Schweizer Armee hat seit über 200 Jahren, soweit bekannt, keinen einzigen ausländischen Menschen in einem grenzüberschreitenden Waffengang getötet. In der Schweiz soll die Armee nur im äussersten Notfall eingesetzt werden – zur Selbstverteidigung. Infolge glücklicher Umstände, sicher aber auch infolge einer klugen schweizerischen Aussenpolitik, getragen von «politischem Weitblick» (Heino von Prondzynski, Ansprache zum 1. August 2016), ist die Schweizer Armee seit über 200 Jahren unbesiegt. Demgegenüber ist die französische Armee immer wieder besiegt worden, 1954 in Vietnam in Dien Bien Phu und kurz darauf im Algerienkrieg (1954-1962). Über einen Zeitraum von über 200 Jahren unbesiegt. Über ein solches Markenzeichen verfügt, wenn wir die Armeen unserer näheren und entfernteren Nachbarländer betrachten, nur die Schweizer Armee. Daher kann man die Meinung vertreten, die über 200 Jahre lang unbesiegte Schweizer Armee sei die beste Armee der Welt. Durch ihren Auftritt in Paris ohne Gleichschritt und martialische Haltung – so etwas hat sie über 200 Jahre lang nicht nötig gehabt - hat die Schweizer Armee ihre durch einen über 200jährigen Nichtkampfeinsatz geprägte, entspannte Singularität wohltuend zur Schau gestellt.

Nun möchte ich den Bogen zu Einsiedeln spannen. Ich finde die beiden Raben als Wappentiere Einsiedelns ziemlich einzigartig, so einzigartig wie das Willerzeller Viadukt. Es ist meines Wissens die längste Binnenseebrücke der Schweiz. Ich spreche sicher im Namen von vielen, wenn ich mich beim Bezirk und Kanton, namentlich beim Bezirksamman Franz Pirker und beim Landschreiber Peter Eberle, bedanke, die in zähen Verhandlungen schliesslich die Kurve gefunden und die Sanierung und Verbreiterung des Viadukts sichergestellt haben. Besonderer Dank gebührt dem Einwohnerverein Willerzell, der unter dem Vorsitzenden Thomas Kubon eine Pro-Viadukt-Kommission ins Leben gerufen hat. Diese hat unter Walo Schönbächler eine einmalig erfolgreiche Kampagne Pro-Viadukt durchgeführt. Mit Walo Schönbächler als genialem Leiter seiner Präsidentschaftskampagne würde Joe Biden mit 100 % der Stimmen gegen 0 % der Stimmen für Donald Trump einen in der US-Geschichte noch nie dagewesenen Kantersieg erringen. Hoffentlich wird das Viadukt bald eine Zwillingsbrücke aus Holz für Spaziergänger erhalten. Sie ist bereits sorgfältig geplant worden von Edgar Kälin in Zusammenarbeit mit Gerhard Schmitt und anderen. Das wäre dann der längste Seeholzsteg der Schweiz.

Wieder zurück zu den zwei Raben. Meines Wissens hat kein anderer Ort zwei Raben im Wappen. Jeder kennt die Geschichte von den zwei Raben, welche die Mörder des Hl. Meinrad überführten. Diese beiden Raben funktionierten gewissermassen so wie heute Überwachungskameras. Zwei Raben mit einer Spähermission gab es schon in der germanischen Mythologie. Sie hiessen Hugin und Munin. Am Tag überflogen sie die Welt. Abends setzten sie sich links und rechts auf die Schultern von Wotan und flüsterten ihm ins Ohr, was sie alles gesehen hatten. Zeno Schneider hat uns in seiner Erst-August-Ansprache vom letzten Jahr «Muet zum ungwohnte Dänke» gewünscht. Dementsprechend präsentiere ich folgenden ungewohnten Gedanken: Könnte man nicht an den beiden Raben in ihrer Funktion als Aufklärungsvögel anknüpfen und in Einsiedeln alle paar Jahre ein Zwei-Raben-Forum durchführen, mit Vorträgen, Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen über neueste Entwicklungen im Bereich ziviler und militärischer Aufklärung, mit einer Ausstellung neuester Techniken und Geräte, die der Aufklärung dienen, und mit einem vor allem auf Jugendliche hin zugeschnittenen Wettbewerb über das Thema «digitale Aufklärung»? Unkonventionelle Kriegsführung rückt immer mehr in den Vordergrund. Im digitalen Zeitalter, in dem wir uns befinden, können schon 17jährige Hacker unglaubliche Schäden anrichten. Und in solch einem Zeitalter ist Aufklärung die beste Prävention gegen alle möglichen Formen der «Arglist der Zeit.» Gegen die «Arglist der Zeit» sollten wir uns gemäss dem Bundesbrief von 1291 auch im 21. Jahrhundert möglichst umfassend und wirkungsvoll wappnen.

Im Kapitel 6 der Benediktsregel steht, man solle an seinen Mund eine Wache stellen, und man solle «der Schweigsamkeit zuliebe bisweilen sogar auf gute Rede verzichten.» Ich bin zwar kein Einsiedler Mönch, aber als ehemaliger Stiftsschüler richte ich mich jetzt nach der Benediktsregel und erlaube mir nur noch ein paar wenige Schlussworte.

«Ich liebe die Schweiz.» Unter diesem Titel hat Helmut Hubacher, ein prominenter Vertreter der Schweizer Sozialdemokratie, seine letzte Kolumne im Blick am 27. Juni 2020 veröffentlicht. Und er schreibt: «Die Schweiz ist ein einmaliges Land. Seit 1848, seit es den Schweizer Bundesstaat gibt, besteht die Regierung aus bloss sieben Bundesräten. Das ist ein Weltrekord. Über weniger Minister verfügt kein anderes Land. Die Regierungsform ist einmalig.» Im letzten Satz seiner letzten Kolumne bekennt Helmut Hubacher: «Die Schweiz ist ein grossartiges Land»

Setzen wir uns doch für unser «grossartiges Land» ein, indem wir Art. 6 der Bundesverfassung befolgen: «Jede Person nimmt Verantwortung für sich selber wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei.» Nehmen wir uns diese Mahnung landesweit, angesichts der Umweltkrise, und natürlich gerade auch in Zeiten von Corona, zu Herzen. Und setzen wir uns für Einsiedeln ein, indem wir uns zurufen: «Hopp Schwy (i) z,» und «a starche Gäischt - zämä für d'Region Einsiedlä!»

Anmerkung:
Die genauen Quellenangaben für die meisten Zitate finden sich in meinem Buch Das Tao der Schweiz, NZZ Libro, Zürich 2017, siehe www.dastaoderschweiz.ch / www.36stratagems.com
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