
Die Stiftsbibliothek Einsiedeln
Da zu erwarten ist, dass der Zustrom der Besucher zur Bibliothek nach dem Abschluss der Restaurierung zunehmen wird, erscheint die Informationsschrift leicht überarbeitet und in vier Sprachen, um den Besuchern aus aller Welt in aller Kürze die notwendigen Informationen zu geben.
Stifstbibliothek Einsiedeln
Einsiedeln Convent Library
Bibliothèque de l´Abbaye
Biblioteca della Abbazia
Die Bibliothek in Stichworten
Gegründet 934. 1230 Handschriften, 1040 Bände Inkunabeln und Frühdrucke, 230 000 gedruckte Bücher. Jährlicher Zuwachs 500–800 Bände. Etwa 200 laufende Periodica (Jahrbücher und Zeitschriften) und Serien. Spezialgebiete: Einsidlensia, Monastico-Benedictina, Theologie und Liturgie, Biblica, Geistliche Literatur und Andachtsbücher.

Die knappen Daten und Zahlen verraten eigentlich nichts über das innere Wesen, über das, was man das Geheimnis der Einsiedler Klosterbibliothek nennen könnte, und das Abt Ignatius Staub († 1947), früher selber Bibliothekar, in den Satz zusammenfasste: "Das Geheimnis einer Klosterbibliothek und ihrer Eigenart heisst Tradition. Das Alte wurde gewahrt und behütet, manchmal sorgfältig, manchmal weniger verständnisvoll, je nach der wechselnden Einstellung gegenüber dem Geistesgut früherer Tage, und Neues wurde dazuerworben, das Ergebnis war die Stiftsbibliothek Einsiedeln".
Zwei Schlüsselworte können uns den Zugang zum Geheimnis der Klosterbibliothek aufschliessen: Tradition und Kultur. Der Begriff Tradition ist der eine Schlüssel. Tradition, das heisst zunächst ganz vordergründig, dass diese Bibliothek langsam von Generation zu Generation gewachsen ist, dass jedes Jahrhundert dazu seinen spezifischen Beitrag geleistet hat. Das, was heute die Stiftsbibliothek ausmacht, ist das Ergebnis einer über tausendjährigen Geschichte einsiedlischer Buchkultur, mit einem Wort des früheren Bibliothekars P. Leo Helbling, ein "Spiegel des geistigen Lebens des Klosters".
Der andere Schlüssel ist der Begriff Kultur. Hinter diesem Schlüsselwort verbirgt sich unsere benediktinische Lebensform, prägnant konzentriert im bekannten Motto: Ora et labora – Bete und arbeite!
Als drittes Glied muss jedoch, damit wir wirklich von benediktinischer Lebensform sprechen können, die Lectio, die Lesung genannt werden; denn im Zusammenhang damit fällt in der Benediktsregel das Wort bibliotheca (Benediktsregel, Kapitel 48,15). Benedikt fordert von seinen Mönchen das Lesen und zwar stundenlanges Lesen.
Diese Einstellung des Mönchsvaters von Monte Cassino zu Lesung und Studium zunächst der Heiligen Schrift, dann aber auch der heiligen Väter, förderte indirekt und mit der Zeit das Entstehen der Buchkultur in den Benediktinerklöstern. Die Klöster wurden zu Zentren des geschriebenen Wortes. Arbeitseifer und Arbeitsethos haben sich im benediktinischen Mönchtum nämlich bald auf das Studium der Wissenschaften verlagert und liessen so in den Klöstern jene Bibliotheken entstehen, in denen das geschriebene kulturelle Erbe des Altertums in das Mittelalter und in unsere Zeit überliefert wurde.
Dass die Klöster Benedikts dermassen zu Zentren kulturellen Schaffens wurden (und dies natürlich nicht nur im Bereich des geschriebenen Wortes), kann nicht überraschen angesichts der Regel und ihrer Weisungen. Das verlangt allerdings eine Präzisierung. Benediktinische Kultur ist eine entschieden religiöse Kultur. Religiöse Kultur jedoch hat ursprünglich und notwendig mit Kult zu tun. Kult und Kultur kommen ja gemeinsam vom lateinischen Wort colere, pflegen-verehren, her. Dieses benediktinische und zugleich zeitlos aktuelle Kulturverständnis findet sich zutreffend in dem prägnanten Satz formuliert: Homo debet colere terram, si vult colere ipsum Deum – Der Mensch muss die Erde ehren (pflegen), wenn er Gott ehren (verehren) will. Kult und Kultur, Gebet und Arbeit, müssen deshalb von uns Benediktinern in dieser engen und unauflöslichen Wechselbeziehung gesehen und gelebt werden. Und es ist sehr wichtig, dass man sich dieses grösseren Rahmens bewusst ist, um nicht aus einem verengten Kulturbegriff heraus zu einseitigen und irreführenden Schlussfolgerungen zu kommen. Auch die klösterliche Buchkultur ist in diesem Rahmen zu sehen.