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Anfang und Aufstieg

Am Anfang dieser Tradition und Buchkultur in Einsiedeln steht der heilige Einsiedler Meinrad († 861); er selbst soll nämlich die ersten Bücher mit in den Finstern Wald gebracht haben: ein Messbuch, die Benediktsregel, die Schriften Kassians usw.

Noch heute bewahrt die Stiftsbibliothek in Codex 236 (491) als kostbarstes Erbe unseres Anfangs jene Benediktsregel, die Meinrad hierher brachte und befolgte, und nach der wir Mönche hier heute noch leben.

Nachdem der Einsiedler Benno († 940), der ein hochgelehrter Mann war und selbst Bücher abschrieb, wie sein Namenszug in Codex 158(373) zeigt, und der Strassburger Dompropst Eberhard († 958) bei der Meinradszelle das Kloster Einsiedeln gegründet hatten, begannen die Mönche auch sogleich zu schreiben; denn Bücher waren notwendig für die Feier des Gottesdienstes, die heilige Lesung und die Ausbildung der jungen Mönche in der Klosterschule. Damit beginnt im eigentlichen Sinn die Einsiedler Buchkultur.

Kostbarstes Zeugnis davon ist Codex 121(1151), ein Graduale mit den Messgesängen und den Sequenzen Notkers von St. Gallen, ältestes Zeugnis der Einsiedler Choral-Tradition, ja, älteste Aufzeichnung abendländischer Musik überhaupt, hier geschrieben um 960–970. Allein schon diese Tatsache verleiht dem Codex einen unschätzbaren Wert und macht ihn für die Musikwissenschaft, vorab für die Gregorianikforschung zu einem Dokument ersten Ranges. Für uns kommt noch hinzu, dass der Codex, der mit seinen zahlreichen Zierseiten, grossen und kleinen Initialen in Minium, Gold und Silber trotz seines kleinen Formates ein Prachtcodex ist – gewiss für eine hochgestellte Persönlichkeit geschaffen – in unserer klösterlichen Überlieferung (auch das Tradition) als das persönliche Buch des seligen Abtes Gregor († 996) gilt, der das Kloster während seiner über dreissigjährigen Abtszeit von 964–996 zu seiner ersten grossen Blüte führte und es zu einem kulturellen Zentrum von grosser Strahlungskraft im alemannischen und rätischen Raum bis weit nach Bayern hinein werden liess.
Seit da, wohl auch unter dem Einfluss des Mönches und Lehrers Wolfgang († 994), entfaltete sich auch die Schreibschule des Klosters zusehends und kreierte ihren eigenen künstlerischen Stil in Schrift, Initialornamentik und Miniaturmalerei. Von den erhaltenen 117 Handschriften aus dem 9.–12. Jahrhundert sind 64 in Einsiedeln geschrieben worden und zeugen noch heute von der Leistungskraft des damaligen Skriptoriums.